In meinem ersten Beitrag ging es darum, wie sich mit den handähnlichen Quiltstichen der Pfaff Expressionmodelle ein filigraner Sashiko- bzw. Handstichlook erzeugen lässt. Dabei wurde der Unterfaden durch eine stark erhöhte Oberfadenspannung nach oben gezogen, wodurch die typische Optik entstand.
Doch während den vielen Tests stellte sich schnell heraus: Wirklich dicke und plastische Garne eignen sich für diese Technik nur bedingt. Also stellte sich mir die Frage, wie sich solche Garne trotzdem im Sashiko-Stil vernähen lassen.
Genau hier kommt Bobbinwork ins Spiel. Bobbinwork ist eine spezielle Nähtechnik, bei der dekoratives oder dickes Garn auf die Unterfadenspule gespult wird. Genäht wird von der Stoffrückseite, sodass das Unterfadengarn später auf der Vorderseite sichtbar wird und dadurch besonders plastische, dekorative Effekte erzeugt.
Gerade für Contemporary Sashiko und Visible Mending eröffnet dies nochmals viele zusätzliche Möglichkeiten.
Spezial-Spulenkapsel
Für Bobbinwork empfiehlt sich die Spezialspulenkapsel von Pfaff. Sie besitzt eine deutlich lockerere Unterfadenspannung als eine normale Spulenkapsel, wodurch sich auch dickere Effekt- und Dekorgarne sauber vernähen lassen, ohne ständig gebremst zu werden oder hängen zu bleiben.
Ein weiterer Vorteil ist die hellgraue Farbe der Spulenkapsel. Dadurch lässt sie sich sofort von der normalen Spulenkapsel unterscheiden und man weiß direkt, welche Kapsel für Bobbinwork verwendet wird.
Da das Verändern der Unterfadenspannung an einer normalen Spulenkapsel etwas heikel sein kann und die ursprüngliche Einstellung später oft nur schwer wiederzufinden ist, empfehle ich für Bobbinwork grundsätzlich eine zweite bzw. separate Spulenkapsel zu verwenden.
Natürlich funktioniert Bobbinwork auch mit anderen Nähmaschinen. Die Empfehlung einer zweiten Spulenkapsel betrifft grundsätzlich alle Maschinen mit Horizontalgreifer.
Bei Maschinen mit CB-Greifer lässt sich die ursprüngliche Unterfadenspannung meist einfacher wieder einstellen. Wer jedoch auf Nummer sicher gehen möchte, verwendet auch hierbei besser eine zweite Spulenkapsel.
Die weitere Vorgehensweise beim Bobbinwork ist anschließend an nahezu allen Nähmaschinen identisch.
Vorbereitungen für Sashiko-Bobbinwork
Zur Vorbereitung habe ich an der Pfaff QE 725 die Vernähfunktion am Nahtanfang und -ende deaktiviert, weil das klassische Vernähen mit dickeren Garnen nicht wirklich zuverlässig bzw nicht sehr sauber funktioniert.
Stattdessen lasse ich zu Beginn und am Ende der Naht jeweils etwa 8–10 cm Ober- und Unterfaden stehen, um diese später auf die Stoffrückseite zu ziehen und dort zu verknoten.
Dieses Mal wird das Sashikomuster direkt auf das Vlies aufgezeichnet. Benutzt wird wieder Baumwollwebware mit Vlieseline Fuse´n Tear.
Als Unterfaden wurde Madeira Glamour auf die Spule aufgespult und in die Spezialspulenkapsel eingelegt. Als Oberfaden befand sich noch Madeira Monolon aus den vorherigen Tests in der Maschine, wobei transparentes Filamentgarn beim Bobbinwork nicht zwingend notwendig ist. Auch die 90er Topstitchnadel sowie der Candlewickingfuß waren noch montiert und funktionieren für diese Technik hervorragend.
Nun wird die eigentliche Stoffrückseite, auf die das Muster aufgezeichnet wurde, nach oben unter die Nadel gelegt.
Sashiko-Bobbinwork nähen
Genäht wird mit dem normalen Geradstich und Stichlänge 3. Die Fadenspannung habe ich mit meiner Stoff-/Fadenkombination auf 5 erhöht. Idealerweise sollte es so sein, dass der dickere Unterfaden ein bisschen nach oben gezogen wird, damit das Bobbinwork später gleichmäßig aussieht und es keine Fehlstellen gibt.
Beim Nähen gehe ich folgendermaßen vor :
- An einem Musteranfang anfangen zu nähen entlang den Linien.
- Mehrfach neu ansetzen, um Doppelnähte zu vermeiden.
- Ich verknote meist während des Nähens schon, bevor ich eine neue Naht beginne, damit ich später nicht durcheinander komme vor lauter überstehenden Fäden, zumindest bei diesem Muster.
- Ich ziehe leicht am Oberfaden (in meinem Fall transparentes Filament), um den Unterfaden nach oben zu ziehen. In die kleine Schlaufe die dann entsteht, gehe ich mit einer Pinzette, um den Faden komplett durchzuziehen.
- Nach dem Fäden verknoten kürze ich beide Fäden auf ca. 8-10 mm und verschmelze die Fadenenden anschließend vorsichtig ganz kurz mit einem Feuerzeug, damit sich der Knoten mit dem Filament nicht lösen kann.
- Wenn ich zu Ecken & Kreuzungspunkten komme, nähe ich relativ langsam, damit die Nähte sauber und gleichmäßig werden.
Im Video könnt ihr meine persönliche Vorgehensweise sehen, ich habe absichtlich ein bisschen langsamer gearbeitet, damit alles besser zu erkennen ist:
Video zu Bobbinwork Sashiko
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Fertig genäht sieht das ganze dann so aus, einmal komplett und einmal eine Detailaufnahme:
Als nächstes teste ich zwei Fäden, die vergleichbar dick sind: Madeira Decora 6 mit 6 WT haben und einmal ein Faden, der die Dicke hat wie Madeira Decora 12, nämlich 12 WT. Das Setup ist das gleiche wie vorher, aber diesmal nutze ich die handähnlichen Quiltstiche, um entlang der aufgezeichneten Linien zu nähen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sich mit 6 oder 8 WT-Garn grundsätzlich kein Bobbinwork nähen lässt. Ich würde hierbei lediglich empfehlen, ein Sashikomuster aufzuzeichnen und dieses anschließend mit einem einfachen Geradstich nachzunähen – ähnlich wie oben mit Madeira Glamour gezeigt oder wie hier in einem weiteren Beispiel mit Razzle Dazzle von Superiorthreads in 8 WT Stärke.
Die etwas rustikale Optik ist der groben Struktur des Garnes geschuldet:
Wie bereits weiter oben erwähnt, bieten Sashikomuster in Kombination mit Bobbinwork nochmals ganz neue kreative Möglichkeiten und der Phantasie hierbei sind keine Grenzen gesetzt.
Visible Mending
Ebenso bei Visible Mending. Ich habe hierbei aber erstmal mit etwas einfachem gestartet und zunächst etwas experimentiert, weil es auch für mich Neuland war.
Hierzu habe ich Baumwollwebware in passender Größe zugeschnitten und Vliesofix auf die linke Stoffseite aufgebügelt.
Nun kann man wählen, ob der Stoff von der Jeansinnenseite aufgebügelt wird, oder von der Außenseite. Ich entscheide mich für die Außenseite und schneide vorher den Winkelhaken etwas sauber aus. Anstatt mit Vliesofix kann man den Flicken auch mit Sprühzeitkleber fixieren oder auch mit Nadeln feststecken.
Jetzt lege ich in das Jeansbein ein Stück Backpapier ein, damit beim festbügeln mit Vliesofix der Kleber nicht auf dem Jeansstoff kleben bleibt.
Stoffe fixieren
Auf die Stoffinnenseite habe ich ein kleines Stück Stickvlies aufgebügelt, damit sich die Stoffe nicht verziehen und das Muster besser aufgezeichnet werden kann.
Das Muster wurde bewusst nur auf etwa der Hälfte der Vliesfläche aufgezeichnet, da auf der anderen Hälfte zusätzlich die handähnlichen Quiltstiche eingesetzt werden sollen. Zuerst nähe ich jedoch das von Hand aufgezeichnete Muster mit Bobbinwork auf.
Das Muster wird später bewusst etwas über den Stoffrand hinaus verlaufen. Genau solche sichtbaren Übergänge und bewusst unperfekten Elemente sind typisch für Visible Mending und verleihen dem Projekt einen ganz persönlichen und individuellen Charakter.
Die Wellenlinien wurden, wie zuvor erklärt, als Bobbinwork aufgenäht. Die übrigen Stiche stammen aus der Kategorie der handähnlichen Quiltstiche und ergänzen das Muster zusätzlich. Fertig genäht sieht das Ganze nun so aus (einmal als Gesamtaufnahme und einmal als Detailaufnahme):
Setup hierbei :
- Schmetz Topstichnadel Gold 90er Dicke
- Oberfaden Madeira Monolon
- Unterfaden : Madeira Decora 12 Multicolor
- Geradstich, Stichlänge 3.0
- Fadenspannung 5.6
Da sich nun auf der Jeansinnenseite zahlreiche Fäden, Knötchen etc befinden, bügele ich ein Stück Madeira Comfort Wear auf, damit diese Stellen nicht auf der Haut reiben.
Natürlich lassen sich noch viele weitere Stoffe, Farben und Muster miteinander kombinieren. Zur besseren Veranschaulichung habe ich anhand einer persönlichen Skizze und mit Unterstützung von KI einmal beispielhaft dargestellt, wie solch eine Kombination aussehen könnte:
Boro-Technik
Das geht dann in die Richtung der Boro-Technik.
Was genau ist denn eigentlich Boro und wie ist der Zusammenhang bzw der Unterschied zu Sashiko ?
Boro und Sashiko stammen beide aus der traditionellen japanischen Textilkunst und werden oft miteinander kombiniert, bedeuten jedoch nicht das Gleiche.
Boro beschreibt geflickte, zusammengesetzte oder mehrfach reparierte Stoffe und Kleidungsstücke. Dabei wurden verschiedene Stoffstücke übereinandergelegt, zusammengenäht und immer wieder weiterverwendet. Der Begriff leitet sich vom japanischen Wort „boroboro“ ab, was sinngemäß „abgetragen“, „zerfetzt“ oder „abgenutzt“ bedeutet.
Sashiko dagegen bezeichnet die sichtbaren Handstiche bzw. Stickmuster, mit denen Stoffe verstärkt, repariert oder dekorativ gestaltet wurden. Das Wort bedeutet wörtlich „kleine Stiche“. Mehr Infos hierzu findet man im ersten Beitrag zu diesem Thema: Hier klicken.
Einfach gesagt:
Boro beschreibt eher die sichtbare Reparatur und die vielen Stofflagen, während Sashiko die Technik bzw. die Stiche beschreibt, mit denen diese Stoffe vernäht und verstärkt wurden.
Zum Abschluss möchte ich nochmal auf wichtige Dinge hinweisen, die mir während des Arbeitens mit dieser Technik immer wieder aufgefallen sind :
- Transparentes Filamentgarn klingt beim Nähen anders als normales Nähgarn. Daher nicht wundern, wenn sich die Maschine ungewohnt anhört, erst Recht beim Bobbinwork.
- Es sollte nicht zu schnell genäht werden, da die Filamentfäden sonst schneller reißen können. Ich habe maximal mit etwa 40 % Geschwindigkeit bzw. Stufe 2 genäht, gerade auch wenn beim Bobbinwork dicke Fäden verwendet werden.
- Werden hitze- oder wasserlösliche Markierstifte verwendet, sollte beim abschließenden Bügeln vorsichtig gearbeitet werden. Zu hohe Temperaturen oder zu starker Dampf können das Filamentgarn schrumpfen lassen oder sogar beschädigen. Ich empfehle daher, von links zu bügeln und ein Baumwolltuch zwischen Stoff und Bügeleisen zu legen.
Nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Ausprobieren dieser tollen Techniken und der handähnlichen Quiltstiche an den Expressionmodellen.
Mareike näht selbst auf einer Pfaff Quilt Expression 720 und testet derzeit für uns die Expression 725.
Wenn Sie noch mehr von Mareike und den Expression Modellen lesen möchten, schauen Sie bei ihr auf Facebook vorbei:
Pfaff Quilt Expression 710-715-720-725 Hilfe und Austausch (Facebook-Gruppe)

Mareike: Sashiko mit der Pfaff Expression
